Schmerzlose Kastration ab 2019

Neues Gesetz: Ferkel dürfen ab 2019 nur noch schmerzlos kastriert werden

agriculture-84702_960_720Noch werden geeignete Betäubungsmittel und praxistaugliche Methoden gesucht, die ohne Tierarzt durchführbar sind. Die Ebermast ist wohl keine Lösung.

„Wir wollen den Wunsch der Gesellschaft nach Tierschutz erfüllen, aber die Methode muss für die Landwirte praktikabel sein und die Verbraucher müssen sie akzeptieren“, sagt der Vorsitzende des Bauernverbands Schwäbisch Hall Klaus Mugele. Für die Fleischqualität habe sich die Ferkelkastration bewährt. „Dann sind wir auf der sicheren Seite“, so Mugele. Das Fleisch von unkastrierten Schweinen, also Ebern, riecht und schmeckt oft unangenehm aufgrund der Geschlechtshormone, die die männlichen Tiere bilden.

Mugeles Sorge ist, dass ab 2019 herkömmlich kastrierte Ferkel aus dem Ausland in die Ställe kommen, denn das Verbot sei ein nationaler Alleingang Deutschlands. Zudem hätten Rewe und Aldi-Süd angekündigt, schon ab 2017 kein Fleisch von betäubungslos kastrierten Schweinen mehr zu kaufen.

Wie halten es andere Supermärkte?

  • Rewe und Kaufland akzeptiert Kastration unter Betäubung und Ebermast
  • Lidl verkauft schon seit 2015 (!) nur noch Fleisch von Ebern und Säuen
  • Edeka und Netto wollen sich noch nicht festlegen

Mugele betont, dass eine Kastration durch den Tierarzt nicht für die Praxis taugt. Er wisse aber von hoffnungsvollen Untersuchungen mit einer betäubenden Salbe, die der Landwirt auf die Haut des Ferkels auftragen könnte. „Das wäre eine gute Lösung“, meint er.

Damit das Fleisch von unkastrierten Schweinen genießbar ist, werden die Tiere bei der sogenannten Ebermast „geimpft“, wie die Fachleute sagen, um die Hormonbildung zu unterdrücken.

Einige Betriebe der UEG Hohenlohe Franken (Unabhängige Erzeugergemeinschaft für Ferkelerzeuger) mästen Eber. „Sie wollen feststellen, ob sie damit klarkommen oder ob sie ab 2019 die Kastration mit Betäubung vornehmen werden“, so UEG-Geschäftsführer Herbert Klein. Er erwartet, dass etwa 70 Prozent der Ferkelerzeuger künftig mit Betäubung durch den Tierarzt kastrieren lassen und 30 Prozent in die Ebermast einsteigen. „Das können aber nur Ferkelerzeuger, die selber mästen. Landwirte, die Ferkel verkaufen, müssen kastrieren, weil nicht sicher ist, ob ein Mäster die unkastrierten Ferkel kauft“, erklärt er. Weitere Landwirte werden mit der neuen Regelung aufhören, so Kleins Befürchtung.

„Bei uns ist Ebermast verboten und dies wird auch so bleiben. Unsere Kunden wollen kein Eberfleisch haben“, stellt Rudolf Bühler von der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (Besh) klar. Schon bisher würden die Ferkel der Besh nur von sachkundigen Personen unter gleichzeitiger Anwendung eines Schmerzmittels kastriert. „Ferner haben wir ein Testgerät im überbetrieblichen Einsatz für die Erprobung der Kastration unter Isofluran- (Gas-) betäubung“, führt Bühler aus. Ebermast oder Hormonbehandlung lehne die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft ab. „Unsere Kunden wünschen dies nicht“, betont der Landwirt.

Auch die Fleischerfachgeschäfte und ihre Kunden wollen kein Fleisch aus Ebermast. „Ich weiß, wie Eber stinken und wie der Kunde darauf reagiert“, sagt Harald Hohl, Obermeister der Fleischerinnung. „Wir tendieren weiterhin zur Kastration mit Betäubung und wollen den Tierschutz ganz nach oben stellen“, ergänzt er. Die Behandlung von Ebern mit Hormonen wie bei der „Eberimpfung“ komme wegen der Gefahr für den Menschen nicht in Frage.

Impfung und Kastration

Geruch Die Eberimpfung gegen Ebergeruch wird seit 1998 in Australien und Neuseeland erfolgreich angewendet. Die männlichen Schweine werden zweimal geimpft, damit sie keine geruchsauslösenden Substanzen mehr anreichern.

Betäubung Es gibt Mittel zur lokalen Anästhesie von Ferkeln wie Lidocain, das injiziert wird. Außerdem sind Mittel auf dem Markt, die das Tier ganz betäuben und ebenfalls injiziert oder inhaliert werden. In der Schweiz ist die betäubungslose Ferkelkastration seit 2009, in Norwegen seit 2003 verboten.

Ouelle  www.swp.de


Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration: Agrarausschuss berät über Bericht der Bundesregierung

Der Agrarausschuss des Bundesrats berät heute über einen Bericht zum Entwicklungsstand alternativer Verfahren zur betäubungslosen Ferkelkastration. Der Deutsche Tierschutzbund begrüßt, dass auch die Bundesregierung in dem von ihr vorgelegten Bericht zu dem Schluss kommt, dass drei

Alternativen praktikabel sind: die Ebermast, die Impfung gegen Ebergeruch und die Kastration unter Vollnarkose. Aus Sicht der Tierschützer sollten die Alternativen allerdings baldmöglichst, und nicht erst 2019, angewendet werden.

„Die Bundesregierung hat mit ihrem Bericht einen Zwischenstand gegeben, der in unserem Sinne ist“, kommentiert Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. „Die drei Alternativen zur betäubungslosen Kastration sind sowohl tierschutzkonform als auch praktikabel. Alle sind bereits heute durchführbar. Das bedeutet aber auch, dass eine weitere betäubungslose Kastration nicht länger akzeptabel ist.“ Die Kastration männlicher Ferkel ohne Betäubung ist zwar nur noch bis zum 31.12.2018 erlaubt. Bis dahin wird der Großteil männlicher Ferkel aber weiter routinemäßig ohne Betäubung kastriert – obwohl Alternativen bereits heute vorhanden sind. Teilweise erhalten die Tiere zwar Schmerzmittel, diese können den Kastrationsschmerz jedoch nicht ausreichend lindern.

 Alternativen sind bereits praxistauglich

Die Mast unkastrierter Eber wurde durch verschiedene Projekte vorangetrieben. Diese haben gezeigt, dass die Haltung von Ebern bei Beachtung gewisser Management- und Haltungsaspekte ohne tierschutzrelevante Probleme realisierbar ist. Eine weitere Alternative ist die Impfung gegen Ebergeruch, bei der die Produktion von Geschlechtshormonen der Eber gehemmt wird. Die Methode wurde bereits in anderen Ländern erfolgreich durchgeführt. Falls noch nicht gänzlich auf die chirurgische Kastration verzichtet werden kann, muss zumindest eine Narkose erfolgen, die den Schmerz beim Eingriff unterbindet.

 Lokalanästhesie ungeeignet

Im Gegensatz zu den drei genannten Methoden ist die Lokalanästhesie als Alternative nicht geeignet und aus Tierschutzsicht eindeutig abzulehnen. Zahlreiche Studien zeigen, dass die Injektion des Lokalanästhetikums einen zusätzlichen Stress- und Schmerzfaktor vor der Kastration darstellt und die Betäubung ungenügend ist, um den Kastrationsschmerz vollständig auszuschalten. Dies wäre jedoch die Vorgabe des Tierschutzgesetzes für den Einsatz einer solchen Methode bei der Ferkelkastration.

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